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Geschlechtergerechte Sprache – was spricht dafür und dagegen? Und wie geht das richtig?

Gendern – na, läuft Ihnen bei dem Wort ein Schauer über den Rücken? Oder zaubert es Ihnen ein Lächeln aufs Gesicht? So oder so: Mit Ihrer Reaktion sind Sie nicht alleine. Kaum ein Thema wird so kontrovers diskutiert wie die geschlechtergerechte Sprache. Mittlerweile kommt man nicht mehr daran vorbei – auch wir als Werbeagentur nicht. Von „Genderwahnsinn“, „Genderideologie“ oder „Gendergaga“ ist bei dem Thema gerne mal abwertend die Rede. Andere fordern, das Gendern gleich verpflichtend einzuführen. Aber wie ist das eigentlich mit dem Gendern? Wie kann man überhaupt geschlechtergerecht formulieren? Und: Was spricht dafür und was dagegen?

Generisches Maskulinum und generisches Femininum: Gendern kann so einfach sein – oder?!

Das sogenannte generische Maskulinum lässt das Gendern erstmal ziemlich einfach aussehen. Okay, zugegeben, so richtig gegendert wird dabei auch nicht. Es werden maskuline Substantive und Pronomen geschlechtsneutral verwendet. Keine Sorge, das hört sich komplizierter an, als es ist. Ein Beispiel:
„Jeder, der zu meiner Party kommen möchte, ist herzlich willkommen.“
„Jeder“ ist eigentlich maskulin, hier aber generisch gemeint – es soll also beide Geschlechter umfassen. In Broschüren, Hausarbeiten und in anderen Texten sieht man das generische Maskulinum gerne mal in Kombination mit einer Fußnote, die in etwa so lautet: „Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Text nur die männliche Form verwendet. Gemeint sind aber stets alle Geschlechter.“ Spätestens seit den 80er Jahren stören viele sich an dieser übergreifend männlichen Formulierung. Die Überlegung: Wenn das Maskulinum für alle Geschlechter stehen kann, dann funktioniert das auch umgekehrt. Dann kann das generische Femininum explizit nur Frauen ansprechen, aber ebenso alle Geschlechter meinen.
Wie gesagt, mit Gendern im eigentlichen Sinne hat das nicht wirklich viel zu tun. Anders ist das bei den folgenden Formulierungen.

Von Gendersternchen bis Neutralisierung – diese Möglichkeiten gibt’s beim Gendern

Gendersternchen, Unterstriche, geschlechtsneutrale Formulierungen es gibt so viele Möglichkeiten, wie gendert man da überhaupt richtig? Grundsätzlich lassen sich drei Varianten des Genderns unterscheiden:

  • Genderzeichen: Genderzeichen werden dort im Wort eingesetzt, wo die weibliche Endung im Normalfall anfinge, und sie können ganz unterschiedliche Gestalten annehmen, so zum Beispiel: Kund_innen, Kund*innen oder Kund:innen. Dabei sind mit dieser Formulierung eben nicht nur Männer und Frauen gemeint, das jeweilige Zeichen soll auch alle anderen Geschlechter ansprechen. Soweit so gut. Und wie spricht man das jetzt aus? Mit dem sogenannten Glottisschlag. Den kennen wir nicht nur von gegenderten Wörtern, er kommt im Deutschen auch sonst einigermaßen häufig vor: be-achten, er-öffnen, be-urteilen. Zwischen beiden Teilen des Wortes machen wir eine kurze Pause. Bei der Endung „-innen“ ist das genauso.
  • Feminisierung: Formen wie „VerkäuferInnen“ oder die ausformulierte Variante „Verkäuferinnen und Verkäufer“ sprechen explizit nur das männliche und das weibliche Geschlecht an.
  • Neutralisierung: Wer Gendersternchen und Co. umgehen will, dem bietet sich mit der Neutralisierung eine recht elegante Alternative an, durch die geschlechtsspezifische Formen gleich ganz vermieden werden. Dabei gibt es hier wiederum ziemlich viele Optionen:
Mögliche geschlechtsspezifische Formulierungen Mögliche neutrale Formulierungen  
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Mitarbeitende Substantivierte Partizipien
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Angestellten, die Beschäftigten Plural-Formulierung
Behandlung des Facharztes oder der Fachärztin Fachärztliche Behandlung Adjektiv-Formulierung
Die Besucher*innen, die heute kommen wollen, sind normalerweise pünktlich.
StudentInnen, die Interesse haben, melden sich bitte im Sekretariat.
Diejenigen, die heute kommen wollen, sind normalerweise pünktlich.
Wer Interesse hat, meldet sich bitte im Sekretariat.
Unpersönliche Pronomen
Alle Bürger_innen sind herzlich eingeladen. Sie sind herzlich eingeladen. Direkte Anrede
Die Köch_innen haben die Suppe versalzen. Die Suppe wurde versalzen. Passiv-konstruktionen
Lehrer*in
Begleiter:in
Leiter*in
Haushälter*in
Leser:innen
Lehrkraft
Begleitperson
Leitung
Haushaltshilfe
Leserschaft
Substantiv-endungen -kraft, -person, -ung, -hilfe, -schaft
Je nach Kontext Person, Mensch Neutrale Substantive
Zuschauer*innen,
Spieler*innen,
Mitarbeiter*innen,
Besucher*innen
Publikum, Team, Personal, Klientel Substantive für Menschengruppen

Pro- und Contra-Argumente zum Gendern

Wie man gendern kann, wissen wir jetzt schon mal. Und das ist eine ziemlich wichtige Voraussetzung, wenn man überlegt, was dafür- und was dagegenspricht. Aber eins nach dem anderen.
Das Thema Gendern sorgt regelmäßig für hochrote Köpfe, erregte Gemüter und mehr emotional als rational geführte Diskussionen. Das muss aber gar nicht sein. Denn eigentlich haben beide Seiten bedenkenswerte Argumente gegen und für das Gendern. Die gängigsten haben wir hier mal zusammengestellt.

Contra Pro
Das grammatische Geschlecht (Genus) ist im Deutschen nicht gleichzusetzen mit dem tatsächlichen beziehungsweise biologischen Geschlecht (Sexus). Es heißt ja zum Beispiel „der Staubsauger“ – obwohl das Teil ganz offensichtlich nicht männlich, sondern eine Sache ist. Also: Wenn es zwischen Genus und Sexus keinen logischen Zusammenhang gibt, dann kann das maskuline Genus auch für alle biologischen Geschlechter stehen (generisches Maskulinum). Im generischen Maskulinum sind Frauen und andere Geschlechter gar nicht repräsentiert. Es genügt nicht, dass sie „mitgemeint“ sind. Denn die männlichen Formulierungen sind wie eine Schablone fürs Denken. Und durch die sind Frauen nicht sichtbar. So sorgt die Sprache für faktische Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Sie bildet die tatsächliche Realität nicht korrekt ab. Die Erklärung, dass Genus nicht gleich Sexus ist, ist zwar korrekt – aber nicht ausnahmslos. Bei Titeln, Funktionen und Berufsbezeichnungen lässt sich sehr wohl beobachten, dass beide übereinstimmen. Der Sohn, die Mutter, der Prinz – zu all diesen Begriffen gibt es immer jeweils zwei grammatische Varianten. Eine passend zum weiblichen, eine passend zum männlichen Sexus. Und diese Formen sollten gleichermaßen Verwendung finden.
Gendern verhunzt die deutsche Sprache. Gendersternchen und Co. stören den Lesefluss und lassen sich nur umständlich aussprechen. Darunter leidet die Qualität von Texten und Gesprochenem. Gut gegenderte Texte erkennt man gar nicht auf den ersten Blick als solche. Gut möglich, dass man sie liest, ohne überhaupt zu bemerkten, dass darin geschlechtergerechte Sprache benutzt wurde. Schließlich gibt es beispielsweise durch neutrale Formen eine recht unkomplizierte Möglichkeit, geschlechtergerecht zu schreiben oder zu sprechen.
Und Genderzeichen sind auch eine Frage der Gewohnheit. Noch kommen sie uns wie störende Fremdkörper vor – mag sein. Aber an sprachliche Veränderungen gewöhnt man sich, auch wenn es ums Gendern geht.
Mit dem Gendern wird bewusst in die deutsche Sprache eingegriffen. Dabei handelt es sich also nicht um eine Sprachentwicklung, bei der sich Änderungen durchsetzen, weil die meisten sie einfach so übernehmen. Vielmehr geht es um eine politische Entscheidung, die den Menschen von oben diktiert wird. Das ist undemokratisch und unzulässig. In einer Demokratie muss sich niemand vorschreiben lassen, wie man zu sprechen hat. Sprache verändert sich nun mal. Bei dem ein oder anderen Satz aus einem Goethe-Roman muss man heute schon mal nachschlagen, was da eigentlich gemeint ist. Das ist ein ganz normaler Prozess. Und auch dass wir uns daran stören, ist nicht ungewöhnlich.
Dabei fordern lange nicht alle Genderfans, das geschlechtergerechte Sprechen und Schreiben verpflichtend einzuführen. Die meisten setzen auf Freiwilligkeit.
Gendern ist manchmal ganz schön ungenau. Zum Beispiel bei den substantivierten Partizipien. Nehmen wir mal den Busfahrer, der ja im Sinne der Neutralisierung der „Busfahrende“ genannt werden müsste. Schwierig, denn streng genommen bezeichnen die beiden Worte nicht dasselbe. „Busfahrer“ meint eine Berufsbezeichnung, der „Busfahrende“ kann auch ein Mensch sein, der eben gerade Bus fährt. Weil er Lust hat. Oder weil er umzieht. Wie auch immer. Also: Ziemlich unpräzise, dieses Gendern. Zumindest manchmal. Gendern kann man auf viele Arten. Bei der Entscheidung für eine passende Variante kommt es immer auch auf den Kontext an, in dem man sie verwendet. Und wenn unter den Neutralisierungsformen mal nicht der perfekte Ausdruck ist, bleiben immer noch Feminisierung und Genderzeichen als Alternativen. So muss aus dem „Busfahrer“ nicht der „Busfahrende“ werden, es kann auch „Busfahrer*in“ heißen. Also: Meistens doch ganz schön präzise, dieses Gendern.
In anderen Sprachen gibt es gar kein Genus. Und trotzdem gibt es Ungleichberechtigung. Also kann der Zusammenhang zwischen Sprache und Gleichberechtigung ja gar nicht so groß sein. Sprache hat zwar einen bedeutenden Einfluss auf die Gleichberechtigung der Geschlechter – aber sie ist nicht alleinverantwortlich. Da spielen noch ganz andere Faktoren eine Rolle.
Gendern reduziert Menschen auf ihr Geschlecht. Durch gegenderte Texte wird das Geschlecht ständig überbetont – auch in Kontexten, in denen es eigentlich gar nicht um das Geschlecht geht. Damit wird die Wichtigkeit des Geschlechts in besonderem Maße betont – was ja eigentlich genau dem Sinn und Zweck des Genderns widerspricht. Gendern möchte alle Geschlechter miteinschließen. Um die Gesellschaft so vielfältig abzubilden, wie sie ist. Dabei soll das Geschlecht aber natürlich nicht überbetont werden. Auch hier kann die Neutralisierung eine gute Lösung sein. Beispiel gefällig?
„Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben eine bahnbrechende Entdeckung gemacht.“ In diesem Kontext geht es nicht um die Forschenden, sondern um die bahnbrechende Entdeckung. Warum das Ganze also nicht so formulieren: „Die Studie hat bahnbrechende Entdeckungen hervorgebracht.“
Heißt: In Kontexten, in denen das Geschlecht von Bedeutung ist, zum Beispiel in Stellenausschreibungen, sollten durchaus alle Geschlechter explizit genannt und angesprochen werden. Ansonsten lenkt eine neutrale Formulierung den Blick auf das Wesentliche.

Was bringt geschlechtergerechte Sprache denn nun? – Spezialistenrätsel

Okay, es gibt also nachvollziehbare Argumente für und gegen die Nutzung geschlechtergerechter Sprache. Aber bringt denn Gendern überhaupt etwas? Dazu gibt es zahlreiche Studien und Versuche. Die allermeisten belegen, dass Gendern tatsächlich hilft. Das sogenannte Spezialistenrätsel ist ein gutes Beispiel dafür.

Das Spezialistenrätsel – kommen Sie auf die Lösung?

An einem Versuch aus einem Fachbeitrag von 2004 können Sie sich gleich mal selbst probieren.
„Ein Vater und sein Sohn fahren zusammen in ihrem Auto und haben einen schrecklichen Autounfall. Der Vater stirbt beim Aufprall. Der Sohn wird mit einem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht und sofort auf den Operationstisch gelegt. Der Arzt wirft einen kurzen Blick auf ihn und sagt, dass ein Spezialist benötigt wird. Der Spezialist kommt, sieht sich den jungen Mann auf dem OP-Tisch an und verkündet: "Ich kann ihn nicht operieren, er ist mein Sohn.“
Alles klar? Falls nicht, hier die Auflösung: Der Spezialist ist die Mutter des Unfallopfers. Darauf kommen viele aber erstmal nicht. Denn der Text spricht von ihr im generischen Maskulinum, was Lesenden zumeist das Bild eines Mannes vor Augen ruft.

Prägt Gendern die Geschlechterwahrnehmung wirklich so sehr?

Dass das generische Maskulinum die meisten an Männer denken lässt, zeigt auch eine weitere Studie, in deren Rahmen einigen Personen ein Text zur Lektüre vorgelegt wurde – mal geschlechtergerecht, mal maskulin formuliert. Anschließend sollten die Teilnehmenden das Spezialistenrätsel lösen. Was meinen Sie, was dabei herausgekommen ist? Wer vorher den gegenderten Text gelesen hatte, kam mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auf des Rätsels Lösung (44 Prozent) als diejenigen, die zuvor den Text im generischen Maskulinum lasen (33 Prozent). Heißt: Die geschlechtergerechte Sprachvariante erweiterte das Sichtfeld der Testpersonen. Sie hatten häufiger auch Frauen auf dem Schirm. Gegenderte Texte scheinen das Denken und die Vorstellung also durchaus zu beeinflussen.

Fazit: Gendern oder nicht? Das ist hier die Frage.

Kurz und gut: Am Ende entscheiden Sie, ob Sie gendern möchten oder nicht. Vielleicht kann man das Ganze (viel weniger verbissen als so oft) als demokratischen Prozess betrachten: Irgendwann wird sich die Variante durchgesetzt haben, die am häufigsten Verwendung findet. Ganz ohne Verbote und Gesetze. So ist das eben in der Sprache.

Geschlechtergerechte Texte für Ihr Unternehmen – mit der alle freiheit Werbeagentur

Fragen Sie sich gerade, wie Ihr Unternehmen beim Gendern vorgehen soll? Ob Sie überhaupt gendergerecht formulieren möchten? Dann geht es für Sie am Ende um die Frage, wie Sie Ihre Kundschaft bestmöglich ansprechen können. Das ist der springende Punkt. Solange auch Frauen zu Ihrer Zielgruppe gehören, sollten Sie auf Ihrer Website etc. auch geschlechtergerecht schreiben. Sonst riskieren Sie, dass Frauen sich weniger angesprochen fühlen. Als erfahrene Werbeagentur unterstützen wir Sie gerne bei der Erstellung ansprechender gendergerechter Texte, nach deren Lektüre Sie sicher nicht überall Sternchen sehen.
Psst, wir verraten Ihnen auch noch was: In diesem Beitrag haben wir ebenfalls durchgängig gegendert. Ist es Ihnen aufgefallen?

Wie können wir Sie unterstützen?

Gerne beraten wir Sie oder erstellen Ihnen ein unverbindliches Angebot. Bitte füllen Sie dazu dieses Kontaktformular vollständig aus. Wir melden uns schnellstmöglich bei Ihnen zurück. Falls Sie bereits einen Terminwunsch für ein Beratungssgespräch (persönlich oder telefonisch) haben, können Sie uns diesen gerne direkt mitteilen. Wir freuen uns darauf, von Ihnen zu hören.

Roy Sämerow Geschäftsführer alle freiheit

Roy Sämerow

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